Naturoase. Berlin!

Das überwiegend dreckige Berlin mit seinem unablässig lärmenden Verkehr, überfüllt von Menschen, ist erstaunlicherweise eine Oase in der biologischen Wüste von Brandenburgs Monokultur-Landwirtschaft.

Wo intensiv Lebensmittel und vor allem Tierfutter angebaut werden – nämlich auf mehr als 50 % aller landwirtschaflichen Flächen Deutschlands – ist kein Platz mehr für die heimischen Arten. Egal, ob wir die Vielfalt von Käfern und Fliegen oder Acker- und Wiesenblumen betrachten oder uns die Nahrungskette hinaufhangeln bis zu Hamster oder Greifvogel: Sie finden alle zu wenig Nahrung und Lebensraum. Für den Anbau werden Insekten absichtlich, soweit das geht, vernichtet, ebenso Pilze und ungewollte Pflanzen. Es gibt eben derzeit noch wenig ungespritzte Felder, belassene Ackerränder, regelmäßige Baumzeilen und Mischwälder. Was manche für Natur halten, wenn sie aus dem Auto schauen und Bäume sehen, ist intensive Holzwirtschaft.

So lebensfeindlich die Bedingungen auf dem Land, so sehr lädt die Stadt die Tiere ein! Hier ist das Nahrungsangebot durch unsere dichte Zivilisation mit zahllosen Restaurants, Läden und Mülltonnen für Wildtiere hervorragend. Füchse, Wildschweine, ja, selbst Hasen (nicht Karnickel!) sind in Berlin zu Hause und gedeihen. Pflanzen haben es da schwerer.

Problematisch sieht es auch für heimische Baumarten aus, sie leiden besonders unter dem Stadtklima: Hitze, Trockenstress, abgegrabene Wurzeln und rasch um sich greifende Krankheiten machen ihnen zu schaffen, sodass mehr als die Hälfte krank sind. 2015 waren ca. 60% der Bäume krank, seither gab es außerdem noch 2 Hitzesommer. Bevor der Stress den Baum tötet, ist meist das Grünflächenamt da, und sägt ihn ab. Das ist traurig, geschieht aber meistens, um jeder Gefahr für Autos oder Menschen zuvorzukommen. Doch was ist, wenn man äußerlich gar keine Schädigung sehen kann, und der Baum dennoch jeden Moment abknicken kann? Und ist wirklich allein die Klimaerwärmung Grund für die „lebensunfähigen“ Straßenbäume?

Diesen und anderen Fragen widmete sich der 51. Naturschutztag letzten Samstag. Er rückte die Stadtbäume in den Fokus mitsamt der Arten, die auf ihnen leben – oder eben nicht leben können. Viele der absterbenden Bäume werden mit Arten aus anderen Gegenden der Erde ersetzt. Leider ist so ein Gingko jedoch für Insekten vollkommen nutzlos – sie können ihn nicht bewohnen! Ein Baum ist besser als kein Baum, mag man argumentieren; er nimmt natürlich auch CO2 auf, spendet Schatten und Feuchtigkeit. Aber angesichts des Insekten-/Bienensterbens ist es zu wenig, klinisch reine Bäume aufzustellen! Wir befinden uns im 6. Massensterben der Arten. Das sollte uns kümmern, auch, wenn derzeit die Angst vor dem Sterben mehr durch ein neues Virus ausgelöst wird, als durch den entscheidenden Moment der Erdgeschichte, in dem eine Spezies entscheidet, ob sie das Leben, wie wir es kennen, auslöscht oder nicht.

Zurück nach Berlin. Der Naturschutztag war ein Erfolg, gut besucht und voll spannender Vorträge:

Herr Klöhn, der Baumexperte, blieb besonders im Gedächtnis und hat mich beeindruckt, weil er die Baumsterblichkeit hierzulande begründen konnte! Es gebe mehrere, ineinandergreifende Ursachen:

  • Der Preisdruck der Marktwirtschaft, wodurch die billigsten Bäume für Berlins Straßen gekauft werden
  • Diese entstehen durch schnell wachsende Arten sowie unter diesen der Auswahl einiger schnell wachsender Individuen; außerdem verschnellert Pfropfen (auch Veredelung genannt) das Wachstum
  • Der Großteil an Bäumen ist immer wieder ein Klon des einen, einmal schön gewachsenen Baums einer Art: die fehlende Genvielfalt aber bietet Krankheiten und Anfälligkeiten ideale Bedingungen!
  • Das Pfropfen führt zu sehr instabilen Pfropf-Narben, sozusagen Sollbruchstellen im Stamm, die nicht von außen auf ihre Gefahr hin einzuschätzen sind! Bis sie abknicken
  • Die Samen werden von einem Unternehmen produziert, die Setzlinge von einem anderen, der Vertrieb von einem dritten – und der Kauf von (nicht in diese Probleme eingeweihten) Behörden. Sie kaufen daher zwangsweise billig
  • Die Aufzucht der Setzlinge geschieht nicht in Deutschland sondern oft im Süden, weil die Produktion dort weniger kostet. Dadurch sind die Bäume das Klima in Berlin gar nicht gewohnt

Ein von Anfang bis Ende perfektes System, um garantiert schwache, kranke Bäume zu bekommen.

Fazit vom Vortragenden: Berlin sollte sich ganz stark auf die noch stehenden alten Baumbestände konzentrieren und diese hegen. Denn einfach können die nicht ersetzt werden.

Wem Bäume am Herz liegen und wer sich Antworten auf Fragen zum „Verhalten“ der Bäume, deren Pflege und Eigenarten wünscht, kann hier viele spannende Infos finden: https://www.baumpflegeportal.de/

…und dieses PDF zeigt die typischen Schäden an Bäumen sehr übersichtlich https://www.golfmanager-greenkeeper.de/fileadmin/content/Importe_gk_ra/2019/gk0319_s29bis34.pdf

*Fotos ohne Autorangabe sind lizenzfrei und aus dem Internet.

2 Kommentare zu „Naturoase. Berlin!

  1. Einmal darauf aufmerksam gemacht, kann man nun bereits beim kleinsten Spaziergang entlang an den Stadtbäumen entdecken, wieviele von ihnen mit Schäden kämpfen, wie wenige von ihnen mit den beschriebenen Schwierigkeiten selbst klarkommen und wie gering die Chance oft ist, dass die sogenannte Baumpflege ihnen noch helfen kann. Danke für die weiterführenden Links.

    Kleiner Nachtrag aus dieser Veranstaltung von Nicolas A. Klöhn (baumdiagnostik.de), die ich auch erlebt habe und sehr eindrucksvoll fand:

    Klöhn, öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Bruchverhalten, Verkehrssicherheit und Vitalität von Bäumen sowie für holzzersetzende Pilze in Bäumen, forderte von der Stadt Berlin, sie möge eine eigene Baumschule unterhalten. Damit Bäume herangezogen werden können, die nicht gravierende Mängel mitbringen, wie sie durch profitorienten Einkauf im Ausland unvermeidlich sind.

    Rauschender Beifall im Saal.

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