Foodsharing – Zwischen Recht und Gesetz

Das erklärte Ziel von foodsharing ist es, Lebensmittel vor der Verschwendung und Entsorgung zu retten, indem sie verteilt und gegessen werden. Dieses Prinzip sprach mich an, als ich 2016 in der Unistadt Jena arbeitete und hörte, dass hier eine aktive Gruppe foodsharing betreibt.

Ich wollte mich für etwas engagieren, bei dem ich den Unterschied, den ich machte, direkt selber sehen würde. Bei foodsharing ist das der Fall: im Restaurant oder Supermarkt liegen die Lebensmittel zur Abholung bereit, die schlecht werden würden (wenn man sich ihrer nicht annähme). So profitiert man selbst stark von seiner Arbeit: Alle Lebensmittel, die man selbst verbrauchen kann, darf man behalten, für den Rest verpflichtet man sich, Abnehmer zu finden. Und foodsharing ist gut für die Umwelt, denn all die bereits investierte Energie, die Rohstoffe und das Wasser, die in die Lebensmittel geflossen sind, werden genutzt. Dadurch wird insgesamt weniger gekauft und die Überproduktion reduziert.1

Missverstandene Retter

Lebensmittel in Deutschland zu retten ist jedoch nicht unkompliziert. Man darf nicht einfach nach Ladenschluss mit dem Auto zum Supermarkt fahren und nach den Ladenhütern fragen. Es bedarf einer Vereinbarung zwischen Markt und foodsharing. Bei Ladenketten kann man als Einzelperson gar keine Kooperation einleiten, denn diese möchten deutschlandweit eine einheitliche Übereinkunft mit foodsharing treffen.

Ist die Kooperation geschaffen, treten oft Missverständnisse auf. Die Vereinbarung mit einer Bäckerei auf dem lokalen Weihnachtsmarkt endete zum Beispiel abrupt bei der ersten Abholung, da die Verkäufer davon ausgegangen waren, wir würden die Reste an Bedürftige verteilen. Ein häufiges Missverständnis ist auch, dass foodsharing um Lebensmittel für sich oder andere bettelt. Jedoch wird es nur aktiv, wenn essbare Produkte drohen im Abfall zu enden.

Es kam außerdem vor, dass der Name foodsharing zu Konflikten führte. Ein Café hatte nach langen Verhandlungen eingewilligt, uns die mageren Reste von Obstdekoration und Salat vor ihrem Verwelken zu überlassen. Als die Besitzerin jedoch mitbekam, dass der Abholer die Portion im Normalfall höchstselbst verzehrt, war sie wütend geworden. Sie war davon ausgegangen, wir würden alles teilen: food-sharing eben.

Juristische Wirren

Eine längere Diskussion von über einem Jahr ergab sich auch mit einer Großküche, die zwar nachhaltig sein wollte, aber sich nicht dazu durchringen konnte, die Lebensmittel aus Küchenschluss noch Menschen anzubieten. Die Betreiber befürchteten Beschwerden oder Anzeigen wegen Lebensmittelvergiftung und waren nicht davon zu überzeugen, dass wir Verdorbenes aussortieren können.

Im Grunde konnten wir sie in juristischer Hinsicht leider nicht beruhigen: Beim Anbieten von Lebensmitteln gilt ein viel höher angesetzter Schutz des Beschenkten, als bei nicht genießbaren Geschenken. Eigentlich haftet ein Schenker nur für Vorsatz und grobe Fahrlässigkeit, nicht aber für leichte Fahrlässigkeit (§ 521 BGB). Wird der Beschenkte aber durch Lebensmittel krank, kann er möglicherweise erfolgreich den Produzenten des Lebensmittels auf Schadenersatz verklagen. Somit könnte nicht einmal foodsharing eine mögliche Anzeige gegen die Großküche abfangen, da die Gruppe ja nicht Produzent des Lebensmittels gewesen ist.

Auch bewegt sich foodsharing selbst auf dünnem Eis, sobald Lebensmittel öffentlich zugänglich gemacht werden. Privates Verteilen von Lebensmitteln ist kein Problem. Würden jedoch die Schätze aus jener Küche in einen sog. Fair-Teiler (ein öffentlich zugängliches Lebensmitteldepot) wandern, stellten sie keine Geschenke im Sinne des Schenkungsrechts mehr dar. Das Anbieten sei dann laut Gesetzgeber eine geschäftliche Transaktion. Die örtliche foodsharing-Gruppe würde damit zu einem „Lebensmittelbetrieb” und müsste die Pflichten eines solchen übernehmen. Diese Einordnung von foodsharing ist bereits in mehreren Städten Deutschlands von der Judikative erfolgt, dort gab es Streit über öffentliche Verteilerstationen. Ein Dilemma, da im Zweifelsfall die ganze Organisation rechtliche Folgen befürchten muss.

Und obwohl foodsharing keinen Gewinn für seine ehrenamtliche Arbeit einnimmt, wird vom Gesetzgeber das Annehmen der kostenlos übergebenen – also geschenkten – Lebensmittel als “Gewinn” gewertet. Wie kann ein Geschenk gleichzeitig ein Gewinn sein?

Erfahrungswerte

Als ich zur Gruppe hinzukam lernte ich, dass die Abholungen streng nach Plan per Eintragung in den Zeitslot des jeweiligen Betriebs laufen. Anfangs wird man von einem Foodsharer mitgenommen, da in jedem Betrieb Besonderheiten gelten. Es werden auch nicht wöchentlich neue Betriebe hinzugewonnen, da es mitunter Arbeit erfordert, mit den Betrieben eine gute Kommunikation aufrecht zu erhalten und es kaum irgendwo genug Freiwillige gibt, um alle Möglichkeiten der Lebensmittelrettung auch auszuschöpfen.

Ich lernte auch, dass Lebensmittel zur Belastung werden können. Gibt es zu einem Eimer Kartoffelwedges noch 10 Liter Suppe A und 10 Liter Suppe B, muss man logistisch vorbereitet sein. Es gilt, vorher anzurufen oder abzuschätzen, wie viel anfällt. Im Notfall muss ein Anhänger für das Rad her oder Helfer, um die schweren Eimer vom Fleck zu bekommen. In heißen Monaten muss außerdem schnell ein Kühlschrank erreicht werden, sodass bei mir regelmäßig alles andere aus dem Kühlschrank verschwand, um mehrere Eimer hineinzuquetschen.

Problematisch war es dann, wenn die erwähnte Suppe A beispielsweise nicht gut schmeckte: man bekam sie nicht los. Durch die logistischen Schwierigkeiten lernte ich aber viele Menschen kennen, da ich im Haus, bei Freunden und an öffentlichen Orten oftmals Menschen ansprach, um Essen loszuwerden. Auch soziale Medien erweisen sich als sehr wirksam, da mit einem Foto und einer appetitlichen Beschreibung viele Menschen gern Lebensmittel aus dem eigenen Haushalt abholen kommen. Der Bedarf ist da.

Mich überraschte jedoch, dass spontan angesprochene Menschen auch beste, frische Lebensmittel oftmals sofort ablehnten, während zu unseren Fair-Teilern offenbar finanziell schlechter gestellte Menschen kamen und noch die ältesten Zitronen und Bananen mitnahmen. Die Ansprüche an Lebensmittel sind in der arbeitenden Bevölkerung wohl sehr hoch und sie wollen Auswahl bei dem, was sie essen. Dadurch bleiben Supermärkte und vor allem Bäcker auf vielerlei Waren nach Ladenschluss sitzen.

Auch Restaurants haben ein Resteproblem, wenn sie eine große Speisekarte anbieten oder Buffets / warm gehaltene Speisen anbieten. Manche findigen Köche kennen Rezepte zur Verwertung überzähliger Reste, aber fast immer gibt es zubereitete Speisen von kurzer Haltbarkeit, die am nächsten Tag nicht mehr verkäuflich sind.

Ist das Müll oder kann ich das essen?

Foodsaven hat mir noch mehr Bewusstsein für den Wert von Nahrungsmitteln gegeben, aber auch für die Geringschätzung durch Teile der Bevölkerung und natürlich die Wirtschaft. In den Hausmülltonnen sah ich oft verdorbenes Obst, halbvolle Milchprodukte und alt oder unansehnlich gewordene Lebensmittel, die entsorgt und durch frische ersetzt wurden. Dieselben Mülltonnen quellen regelmäßig über vor Verpackungen, die nur den kurzen Weg vom Supermarkt bis zur Wohnung nützlich waren. Nie sieht man all das Gemüse der Landwirte, das sofort aussortiert wird, weil es die Normen für den Verkauf nicht erfüllt. Und natürlich auch nicht die in der Tierzucht als „Müll“ deklarierte männliche Kälber, Küken und dergleichen.

Die Verschwendung ist in allen Schritten der Produktkette zu groß für unsere Akzeptanz. Es ist nicht tragbar, Fleisch von ehemals atmenden, aufwändig großgezogenen Tieren billiger zu verkaufen als Dosengemüse. Der Wert von Lebensmitteln steht in keinem anständigen Verhältnis mehr zu ihrem Preis.

Einmal beobachtete ich im Supermarkt eine junge Frau, die Hühnerherzen kaufen wollte und deren Geld nicht reichte. Ein ärmlich aussehender Mann bot ihr an, diese zu bezahlen, da er Hunger nicht sehen könne. Sie erklärte dann, dass sie das Fleisch nur als Leckerei für ihren Hund hätte kaufen wollen und ließ es im Laden, während der Wohltäter die Hühnerherzen für sich kaufte mit der Erklärung, ihm sei jetzt erst eingefallen, wie gut so eine Hühnersuppe schmecke.

Derselbe Supermarkt schmiss samstags kurz vor 20 Uhr die knusprigen Brote vom Tag in schäbige Kartons, die entweder in den Müll oder an die Tafel gehen würden. 2 Minuten eher hätte man jedoch noch den vollen Preis für sie bezahlt. Zumindest müssen Supermärkte verpflichtet werden, Lebensmittel vor der Entsorgung wenigstens herabzusetzen oder gar kostenlos anzubieten – wenn dieses Land es ernst meint, Klimawandel zu bekämpfen und ein existentes Ökosystem zu erhalten.

Foodsharing hat viele erfreuliche Effekte neben den offensichtlichen: Man lernt Gleichgesinnte kennen, erfährt von Methoden zur Verlängerung der Haltbarkeit sowie Rezepte zur Verwertung der geretteten Lebensmittel. So erfährt man, wie Meerrettichwurzeln und Brötchen zusammenpassen und wie braune Bananen oder das Grün von Mohrrüben ein leckeres zweites Leben bekommen.

Auf manche meiner Freunde hatte mein Engagement ansteckenden Charakter und sie wurden selbst aktiv. In der Familie werden seither auch älteres Gemüse und die Reste von Mahlzeiten verwertet, die früher des “feinen Gaumens” wegen weggeworfen wurden.

Fazit

Es fehlen sicherlich Gesetze gegen das Verschwenden von Lebensmitteln: auf dem Acker, bei Transport und Lagerung sowie jenseits des Verkaufs. Auch in privaten Haushalten muss mehr Bewusstsein für die Folgen der Verschwendung einziehen, was durch schlüssige Lebensmittelpreise aber vor allem durch Aufklärung möglich ist. Wo ist zum Beispiel das Fach „Lebenswerte Zukunft“ in der Schule?

Sehr ärgerlich ist, dass eine vollkommen soziale und sinnvolle Organisation wie foodsharing als Lebensmittelbetrieb eingestuft wird – meiner Ansicht nach eine Maßnahme, um die Wirtschaftlichkeit von Lebensmittelverschwendung aufrecht zu erhalten. Wieder einmal wertet Deutschland den Gewinn und das Kapital höher, als die begrenzten Ressourcen der Welt.

Doch wenn ich ein Gesetz ändern könnte, wäre es zunächst das Gesetz, welches Containern – das Retten von Lebensmitteln aus dem Müll – als Diebstahl strafbar macht. Das ist eine Parodie auf praxistaugliche Rechtsprechung und wirkt wie eine hirnlose Machtdemonstration.

Anmerkungen

1 Eine Zahl zwischen 11 und 18 Mio Tonnen Lebensmitteln (11 laut Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, 18 laut WWF) werden jedes Jahr in Deutschland weggeworfen. Daher ist das Retten von Lebensmittel so wichtig. Es wirkt zudem der hohen CO2-Produktion in der Landwirtschaft entgegen. Essen zu retten hat zudem viele weitere sinnvolle Aspekte.

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