Suck it!

Nach dem sprichwörtlichen Strohhalm greifen: Klar, das heißt, in der verzweifelten Angst vor dem Ertrinken hoffnungslos zu agieren. Strohhalme zu verbieten zum Beispiel. Das erscheint zumindest erst einmal so, angesichts der nun beschlossenen Bestrebungen der EU, Plastikmüll zu verringern. Doch lösen Millionen dieser Plastikröhrchen in Seen und Meeren viel Leid und weitreichende Verschmutzung aus. Sie sind eines der Einwegprodukte, die am häufigsten an den Stränden dieser Welt gefunden werden; der Rest ist unter Wasser. Europa hat lange nichts unternommen, jetzt muss es vormachen, wie es geht.

Hier noch einmal mein Beitrag zur Info über die Änderungen der Richtlinien in der EU, Gesetze folgen wohl, sind aber Landessache. Verbote treten in Kraft für Einweg-Geschirr, Trinkhalme, Getränkerührstäbchen, Luftballonhalter und Wattestäbchen. Leicht vermeidbarer, aber tonnenweise in den Meeren hinterlassener Müll.

„Suck it up!“ Nein… das Meer und dortige Lebewesen können unseren Müll nicht verkraften.

Straw-Wars: Was bringt die EU-Richtlinie gegen Plastikmüll?

Vor 8 Wochen, am 28. Mai, berichteten die Medien über die Details der neuen EU-Müllrichtlinie, welche die Grundlage für eine starke Verringerung von Plastikmüll bilden soll und vor allem die Meere vor weiterer Vermüllung schützen soll. Neben dem Verbot der leicht ersetzbaren Einweg-Plastikutensilien geht die Kommission noch eine weitere Kunststoff-Flut an: für Fastfood-Verpackungen, Luftballons, Getränkeverpackungen und -deckel wurden folgende Maßnahmen festgelegt:

– die Hersteller sollen an den Entsorgungskosten beteiligt werden

– Ballons sollen deutliche Warnhinweise und Entsorgungsinfos bekommen

– es soll Anreize für die Industrie geben, auf alternative Materialien zurückzugreifen

– und Plastikflaschen sollen nur noch mit befestigten Deckeln produziert werden.

So tut die EU endlich etwas, das ich von einer Regierung erwarte, nämlich den Verbraucher dabei zu unterstützen, umweltverträgliche Entscheidungen zu treffen – und für diese nicht immer nur draufzuzahlen. Denn so schwierig unverpackte Produkte zu finden sind, so teuer sind sie unfassbarerweise meist auch.

Einweg-Artikel. Sie machen einen substanziellen Teil des Mülls in der Umwelt aus. ©Creative Commons

Dies plant die EU-Kommission, doch was ist das eigentlich? Ihre Aufgabe ist es, die Interessen der 21 Mitglieds-staaten zu vertreten. Sie entspricht am ehesten einer Regierung der EU, da sie vornehmenlich exekutive Aufgaben ausführt.

Zudem hat sie die weitreichende Befugnis, ein Gesetz direkt zur Abstimmung vorzulegen, das der Rat und das EU-Parlament dann bewilligen können.

Das ist vielleicht so, als könnte der Betriebsrat einer Firma allen Mitarbeitern das Gesetz „Mitarbeiter haben Anrecht auf drei Tage Wochenende in der Woche“ direkt zur Abstimmung vorlegen, ohne die Geschäftsführer vorher auch nur zu konsultieren. Wie auch immer, jedenfalls hat die Kommission enormen Einfluss.

Dennoch: Eine Richtlinie ist kein Gesetz: Die Länder sollen später ihre Gesetze aus der Richtlinie ableiten, die Formulierung ist dabei ihnen überlassen und auch, inwieweit die Umsetzung kontrolliert wird…

 

Kritik und Konter

Ich finde diese Initiative dringend notwendig und nachahmenswert – aber die Industrie und viele Medien bezeichnen die Richtlinie als Fehler. Die Industrie kritisiert daran besonders die Verbote von Produkten, die sie als Beschneidung der Wahlfreiheit sieht. Die Wirtschaftsredakteurin Heike Göbel von der FAZ bezeichnet den Vorstoß als bloßen „Aktionismus“ und meint, lediglich die Bilder von Müllstrudeln und verendeten Tieren verschafften dem Thema viel Aufmerksamkeit1. Und da dachte ich immer, es gebühre den ländergroßen Müllteppichen und qualvoll dahinsterbenden Tieren selbstverständlich alarmierte Aufmerksamkeit…

Auch Vivien Timmler von der Süddeutschen nennt besonders die Idee einer Plastiksteuer einen „Vorwand, um noch mehr Gelder für den EU-Haushalt zu generieren“.2 Hier hat sie insofern recht, als dass so eine Steuer erst auf den schon produzierten Plastikmüll anfällt, also weder die Produktion direkt verhindert, noch, mehr Bewusstsein für das Problem beim Händler und Verbaucher schafft. Die Steuer setzt dafür ja viel zu spät an!

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Einweg-Artikel. Sie machen einen substanziellen Teil des Mülls in der Umwelt aus. ©Creative Commons

 

Meine – wohl unerheblichen – Vorschläge

Ich finde, hier fehlt doch eindeutig eine umfassende Aufklärungsarbeit, die Eindruck macht, und im Kopf bleibt! Bunte Bilder, Werbefilme, das sogenannte „Storytelling“ eines Web-3.0 (mindestens).

Zusätzlich sollte es eine deutliche Auszeichnung von recycelbaren und vorerst nicht recycelbaren Artikeln geben!

Noch besser wäre, wenn man den Anteil, den Herstellung und Entsorgung ausmachen, auf Plastikprodukten jeweils auspreisen würde. Gern im Vergleich mit anderen Materialien, aber eben mit den ehrlichen Kosten für die Folgen wie Entsorgung, Gesundheitsschäden etc. dazugerechnet!

Eine Kampagne zur richtigen Mülltrennung ist laut Aussage meiner Hausmülltonnen auch dringend nötig. Nie findet man einfache Hinweise, wie schwierig einzuordnende Abfälle nun richtig entsorgt werden. Am besten wäre vermutlich gleich ein Update des bestehenden Regelsystems der Mülltrennung bei uns in Deutschland. Verwirrender als jetzt geht es schließlich kaum, noch dazu sind die Müllanlagen technologisch verschieden hoch entwickelt (siehe früherer Artikel Der Mist mit dem Müll).

Aber auch dem Engagement der EU-Kommission, weitere sinnvolle Ziele in der Müllbekämpfung festzulegen, spricht Frau Timmler in der Süddeutschen den Sinn ab. Sie plädiert darauf, erst einmal abzuwarten, wie sich die Abfallmengen in Deutschland entwickeln, da im Mai 2017 bereits ein Gesetzpaket zu Verpackungen in Kraft trat. Dies bezeichnete sie selbst als „viel zu lasch“, dennoch sei das gesetzte Ziel, 63 % des Verpackungsmülls bis 2022 zu recyceln, utopisch. Man solle sich in der EU nicht jetzt schon so hohe Marken setzen.

Zu diesen „hohen Marken“ gehört auch das Ziel, im Jahr 2030 ganze 100 % der Verpackungen recyceln zu können. Man beachte: es technisch zu ermöglichen, nicht, 100 % auch wirklich zu erreichen.

Der geneigte Leser dachte bisher eventuell, es wäre schon so weit, dass Verpackungen mit moderner Technik vollständig recycelt werden können. Aber nein, das war offenbar ein Trugbild der Abfallwirtschaft, das auch mich getäuscht hat!

Angeblicher „Recyclingweltmeister“ Deutschland

Genau wie der bekannte „Recyclingweltmeister“ Deutschland. Der ist leider nur eine Erfindung geübter Statistiker. Das recycelte Müllaufkommen wurde bis jetzt immer folgendermaßen berechnet:

Eintritt vom Müll in die Verwertungsanlage = Recyceltes Material.“ – – – Falsch!

Das ist völliger Unsinn! Ein großer Teil des ankommenden Mülls ist nicht recycelbar und wird verbrannt. Wieviel ist unbekannt. Ziemlich armselig, liebes exakte, datenliebende Statistische Bundesdeutschland. Meine Vermutung ist, dass bei der unrühmlichen Verbrennung nicht so genau gemessen wird, wie bei der Menge an „in Sicherheit“ gebrachtem Müll, der bis zu den Anlagen gelangt. Sicher ist aber, der ehemalige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Abfallwirtschaft (DGAW) Thomas Obermeier, spricht selbst von „Augenwischerei“ was die offiziellen Recycling-Quoten angeht.

Betrug in so einem Milliardengeschäft – wen überrascht‘s? Mich doch, da die Entsorgung scheinbar so staatsnah und grundlegend ist, dass ich sofort vom Statistischen Bundesamt geprüfte, belastbare Zahlen erwartet hätte. In etwa wie bei der Menge an Bier, die Deutsche im Jahr trinken. Die DGAW jedoch gibt mittlerweile zu, eine Quote von lediglich 31 bis 41 Prozent recyceltem Verpackungsmüll sei realistisch.

Recycling ist in Wahrheit eine Notlösung. ©CC

An der Spitze des Müllbergs

Recycling ist aber eh kein Allheilmittel: Ziel sollte sein, erst möglichst wenig Müll entstehen zu lassen. Deutschland ist aber eines der Länder, die in Europa kurz nach Dänemark und Schweden den meisten Verpackungsmüll erzeugen!5 Das zeigte die Statistik 2014. Heute erzählen mir die Nachrichten im Deutschlandfunk, wir wären schon Spitzenreiter im Verpackungsmüll geworden 😦 Dennoch ist das nur die Spitze des Eis- äh, Müllbergs.

Dann erst der Bereich des Baus! Hier fallen etwa 35 % des Mülls an und über 28 % verursacht der Bergbau und Abbau von Steinen und Erden. Dieser wenig bekannte Müll wird von der Richtlinie leider kein bisschen berührt. Kehren wir noch einmal zurück zum Siedlungsmüll, an dem wir leichter etwas ändern können.

626 Kilo Müll sind es, die im Jahr auf jeden Bürger anfallen (Jahr 2016), zitiert die Tagesschau den DGAW auf ihrer Website. Traurig und unnötig für ein reiches, fortschrittliches Land. Schuld daran könnte meiner Ansicht nach der Irrglaube sein, dass hierzulande alles recycelt würde und es daher keinen Unterschied macht, ob man verpackt oder unverpackt kauft. Nachdem seit diesem Jahr auch die Ausfuhr von einem großen Teil unserer Plastikmüllberge nach China nicht mehr möglich ist, da das Land einen Einfuhrstopp verhängt hat,4 sollten wir darüber noch einmal nachdenken.

Das falsche Verhalten wird einem im Laden bzw. Onlineshop jedoch so wahnsinnig leicht gemacht, dass sich auch gewissenhafte Käufer schwertun und die Lücken im verpackungsfreien Angebot nicht schließen können.

Weniger Müll, mehr Wert.

Es wäre zu schön, wenn jeder einzelne Mensch, einer inneren Agenda folgend, Müll so weit es geht vermeiden würde. Doch wie erreicht man, dass Mensch einen sinnvollen Kurs verfolgt und freiwillig mehr Mühe auf sich nimmt, als es mit umweltzerstörendem Verhalten möglich wäre? Ich schlage vor mit Bildung und Erziehung! Bekommt man als Kleinkind beigebracht, dass es sehr schlecht ist, Müll im Wohnzimmer auf den Boden fallen zu lassen, fällt es einem später auch schwer, diese verinnerlichte Regel zu verletzen. Ich stelle mir vor, das Müllsparen so selbstverständlich beizubringen, wie das Taschengeldsparen.

Durch das Vorleben und ernst nehmen umweltfreundlichen Verhaltens kann das Kind ein Verständnis der Zusammenhänge bekommen. Wenn es die Werte von Natur, Kreislauf, Genügsamkeit und so weiter erkennt, entsteht auch der eigene Wunsch, gut mit der Umwelt umzugehen. Wenn dann noch die Industrie und die Gesetze mitzögen, könnten die Voraussetzungen für eine Besserung des Müllproblems in unserer Umwelt geschaffen sein.

Und der Rest der Welt?

Europaweit und global müssen Allianzen vor allem mit Asien und den USA geschmiedet werden. Die Umwelt macht nicht Halt an Landesgrenzen und das darf die Politik auch nicht. Es können doch gemeinsame wirtschaftliche, ökologische und gesundheitliche Vorteile von Nachhaltigkeit gefunden werden, an denen man zusammen arbeitet. Es können Arbeitsplätze in Forschung und Entsorgung geschaffen und über Landesgrenzen hinweg gefördert werden. Das sollte auf die Agenda der G7 und G20, denn wirtschaftlich führt der jetzige Kurs nicht zu einer langfristig lebenswerten Welt. Auch innerhalb der UN können und werden Verhandlungen über nachhaltige Ziele geführt. Aber natürlich sitzen auch die Querulanten und Stagnierer bzw. viele profitorientierte Parteien in jeder dieser Gruppen und verfolgen ganz andere Ziele…

Ob die Müllrichtlinie der EU also bloß ein Strohhalm im Müllmeer ist, an den die Wasser-Lebewesen sich verzweifelt klammern müssen, oder doch ein kleines Rettungsboot?

Wir werden es abwarten müssen. Aber in unserer direkten Umgebung, durch eigene Verhaltensänderungen und weitere Verbreitung können wir jetzt gleich etwas tun:

Zum Beispiel mit Utopia.de: 15 Wege zu weniger Müll

 

Quellen:

1 http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/eu-nutzt-plastikmuell-verbot-aus-kommentar-15612029.html

2 https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/verpackungsmuell-eine-plastiksteuer-wie-sie-niemand-braucht-1.3966089#redirectedFromLandingpage

3 https://www.sueddeutsche.de/wissen/muell-kreislauf-das-deutsche-recycling-maerchen-1.3491734

4 siehe auch Tagesschau Artikel: https://www.tagesschau.de/ausland/muell-china-103~_origin-5a094f93-da84-4528-bb82-82a538294603.html

5 http://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php?title=File:Waste_generation,_2014_(kg_per_inhabitant)_YB17-de.png

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