Müll-News from Jena

Die letzten Wochen waren voll interessanter Ereignisse, manche gut und andere so ganz und gar nicht…

Die Jenaer Foodsharing-Gruppe (zu der ich gehöre) hatte einen wunderschönen Fairteiler (fair + geteilt) in der Garage von einem Wohngemeinschafts-Haus im Zentrum der Stadt namens „Die Insel“.

   

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Die Garage war der erste geräumige, trockene, schließbare und dennoch rund um die Uhr zugängliche Ort, den wir als Fairteiler gewinnen konnten. Die Inselbewohner waren die EINZIGEN die uns seit einem Jahr vieler Anfragen sofort bzw. überhaupt ihre Zustimmung gaben, und sogar ihre Garage leer räumten, Strom anschlossen und sich viele Male bei uns bedankten. 🙂

Der Platz war so groß, dass 4 Kühlschränke und mehrere Regale hinein passten, und so haben wir die Insel seit dem Sommer in der Stadt richtiggehend etablieren können: ungezählte Menschen kamen jeden Werktag, um kostenlos Lebensmittel abzuholen. Darunter eindeutig Menschen in großer Armut (relativ natürlich). Ein vermutlich Arbeitsloser half zudem so gut wie JEDEN Tag beim Einräumen und Saubermachen, was bedeutet, alles Schimmlige, Faulige oder anderweitig Ungenießbare auszusortieren und in den verschiedenen Mülltonnen 30 m weiter zu entsorgen.

Auch zu den SoliKüchen konnten wir mit unseren geretteten Lebensmitteln beitragen, denn das waren teilweise so viele, dass wir anfangs Probleme hatten, sie zeitnah verteilt zu bekommen. Das gab sich aber sehr bald, denn der Inselverteiler sprach sich herum, auch die anderen Verteiler, eingezeichnet auf unserer Karte, wurden immer bekannter und waren zunehmend besucht (und dadurch leer). Genau das ist jedoch der Sinn der Sache: möglichst alle Lebensmittel noch zu verteilen und zu verbrauchen, wenn sie noch genießbar sind. Alte, staubige Kekse kann man zwar auch noch essen, aber der Genuss nimmt mit der Zeit substanziell ab – das hab ich getestet. 😉

Nun das Problem: die Insel befindet sich auf einem Platz, den vor einiger Zeit die Stadt gekauft hat. Und die will neue Universitätsgebäude bauen, weshalb die Insel weg muss. Das wunderschöne Jena hat nämlich einen großen Haken: die fantastischen, bewaldeten Berge, die es umschließen, wachsen nicht mit der Bevölkerungszahl. Durch den Platzmangel entstehen immer neue Häuser am Fluss entlang nach Norden und Süden, wofür natürlich Natur weichen muss. Ich gönne der Uni diese neuen Gebäude, ein Campus soll es glaub ich werden, doch die Insel ist ein ganz besonderer Ort. Ich kam zum ersten Mal dort zur SoliKüche hin: sehr verschiedenartige Menschen saßen auf den unterschiedlichsten Sitzgelegenheiten und das ein oder andere Gesicht erkannte ich von anderen Veranstaltungen wieder. Vorträge zu ökologischen, politisch-sozialen Themen wurden präsentiert und die Inhalte diskutiert. Gemütliche Lagerfeuerrunden boten genauso Kurzweil, wie die GOA- und andere Partys im Keller des Hauses. Es schienen immer Künstler und Musiker auf der Insel auftreten zu wollen, denn zu jeder Gelegenheit waren sie vor Ort. Noch andere angenehme Dinge fielen mir hier auf. Alle Menschen machten einem Platz, wenn man durch das Gedrängel musste. Ich erlebte nie starrende Blicke oder Herumpöbeln wie in 0815-Dissen. Und die Leute sind offen! Man kann mit jedem ein Gespräch beginnen und fühlt sich einfach gut aufgehoben und willkommen.

Auf dieser Insel wissen alle Bewohner, dass sie raus müssen, der Mietvertrag läuft aus, und die Anwälte der Stadt beraten wohl, wann sie eine Räumungsklage rechtlich geltend machen können. Doch schon vorab rückten die Bagger und Kräne an!

Unangekündigt standen vor 2 Wochen die Polizei samt Bauarbeitern da und fällten alle Bäume um das Haus, machten die Büsche platt, verwüsteten den Vorgarten und sperrten alles für Unbefugte. Die Bewohner konnten gerade noch ihre Sachen retten – unsere Möbel aus der Garage wurden bei der Stadtverwaltung eingelagert. Und die Garage selbst? Weggehoben, abgekrant, rausgerissen.

Die „Insel“ – Soziokulturelles Zentrum, von Außenstehenden mitunter als „Schandfleck“ verschrien, von den Besuchern heiß geliebt, ein Lieblingsort.

Ein herber Schlag. Wir brachten die folgenden Tage alle großen Lebensmittelladungen in den Uni-Fairteiler, von wo aus wir sie mit Fahrrädern auf die 2 anderen Regale verteilten. Doch letztes Wochenende – oh Wunder – stand plötzlich eine neue Hütte vor der Insel! Ein grünes Metallhäuschen war aus dem Boden gewachsen und bot Schutz für unsere Lebensmittel! Es hatten sich einige fleißige Bewohner solidarisiert und ein Gartenhäuschen besorgt und umgehend an die Stelle der Garage geschafft!

Nein: noch hat sie keiner weggekrant. Um ein Haus abzureißen muss der Garten weg, da stört so eine bewegbare Hütte nicht, daher hoffen wir auf weitere Monate Hütten-Frieden.

Seither ist der Verteiler wochentags wieder prall gefüllt: an dieser Stelle einen Riesen-Dank an die lieben Abholer!! GIF

Jetzt haben wir zwar auf unbestimmte Dauer einen Fairteiler, aber die Insel ist mehr als bedroht. Deshalb haben einige zentrale Figuren der Foodsharing-Gruppe sich Folgendes überlegt. Wir malen Banner, Poster und Transparente mit dem Aufruf „Städte brauchen Inseln!“ – die hängen wir aus unseren Fenstern usw. 🙂

Morgen male ich meins, eine alte Ickgehja-Gardine dient mir zur Stoffmalerei.

Für alle, die helfen wollen, hier der Link zur Petition FÜR den Erhalt der INSEL https://l.facebook.com/…

Ein weiteres Ereignis war unsere Weihnachtsfeier, die ich dieses Jahr mit ausgerichtet habe. Dieses romantische Poster lud alle Passanten einiger beliebter Ecken Jenas zur Info und zum Abendessen ein:

Einen Vortrag hatte ich geplant mit 2 Mädels, der auf hohem Niveau alles Wissenswerte zu Foodsharing e. V. Und unserer Gruppe beinhalten sollte. Ort der illuminierten Veranstaltung war die großzügig bereitgestellte „Wandelbar“ in der vielbesuchten Wagnergasse, die selbst für einen Wandel hin zu einer liebenswerteren Welt steht: jeden Dezember stehen dort die Wandeltage auf der Agenda, was täglich informative Veranstaltungen von Initiativen und Spaß an der Freude mit nachhaltigen Beschäftigungen bedeutet.

Abends um halb 6 fuhr ich also los zur Bar – um festzustellen, dass ich in der Aufregung eine Stunde zu früh dran war. Um 7 wollten wir beginnen. Da bekam ich die erste unangenehme Nachricht des Abends: Auf Facebook war die Veranstaltung mit 18:00 Uhr angegeben! 2 Gäste hatten sich schon eingefunden… peinlich. In unserer Erinnerung hatten wir nur ausgemacht, dass die Bar uns ab 18:00 Uhr zur Verfügung steht, nun fuhr meine Kollegin gleich hin und kümmerte sich um die verlorenen Gäste.

Als nächstes sollte das Essen kommen: 4 Restaurantabholungen sollten ein breites Angebot an schönen Speisen garantieren. 2 unserer Abholer bekamen die Info, dass an diesem Tag nichts übrig war. Also noch 2 Quellen vorhanden. Auf Nachfrage sagte mir die eine Abholerin, sie könne erst um halb 8 zur Bar kommen. Hektisch teilte ich ihr auf dem Handy mit, dass dann schon das Essen auf dem Tisch stehen solle. Sie versprach, sich zu beeilen. Ich fuhr zur Bar. Kein Essen vor Ort. Abholer 2 war gar nicht aufgetaucht. Er hatte um 4 angekündigt da zu sein, war seitdem aber nicht mehr zu erreichen gewesen. Hmpf, das sah ja schlecht aus.

Unsere letzte Quelle sollte rohes Obst und Gemüse vorbeibringen, was wir auslegen und ein wenig auf den Tischchen verteilen wollten. Die zuvorkommende Fahrerin parkte mit ihrer Ladung extra auf dem Bürgersteig gleich um die Ecke und wir sortierten schönes Gemüse in 2 große Körbe, die wir dann vor der Bar etwas geschützt drapierten. Werbung nützt. 🙂

In der Zwischenzeit war unsere Gruppen-Gründerin, die seit einem Jahr nicht mehr in der Stadt wohnt, angekommen, denn wir hatten sie eingeladen. Sie beteiligte sich gleich an der Zubereitung einer riesigen Schüssel Salat aus den geretteten Gemüsen.

Auf den Tischen landeten Mandarinen und Apfelschnitze mit Zitrone und Zimt bestreut. An die Wand warf der Beamer die Folien unseres Infovortrags (mit dem Themen-Special „Hunger in der Welt“) und die ersten (weiteren) Gäste traten ein.

Kurz: die Bar wurde voll, er Vortrag wurde gelobt und das bereits gekochte Essen kam rechtzeitig an!

Besonders schön fand ich jedoch die Stimmung. Beim Essen wurde in den kleinen Grüppchen an den Tischen angeregt geredet und sich kennengelernt. Alle schienen ganz ins Gespräch vertieft. Das kann man nicht planen.

Fotos ©S. Brüning

Ein Kommentar zu „Müll-News from Jena

  1. Ihr seid total im Trend!!!

    19:48 Uhr, zur besten Sendezeit also, kam heute in der ARD ein Spot gegen Lebensmittel- und Ressourcenverschwendung! Es wirkt krass, wenn man da ganze Brote eins-fix-drei in der Tonne verschwinden sieht – wenn auch nur zu Demozwecken. Zwar nicht mit der Empfehlung, Foodsharing herbeizurufen. Aber wenigstens mit der Aufforderung an Supermärkte, nicht bis zum Ladenschluss die Regale randvoll zu halten. Immerhin.

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